[Ausgelesen] Veg up. Die Veganisierung der Welt

Sehr polemisch geschriebenes Buch mit gewichtigen argumentativen Schwächen: Hier der Link zu Amazon

Angebliche Promi-Veganer

Laut dem Autor sollen der Prophet Daniel, Mahatma Ghandi, Pythagoras, Rudolf Steiner und die Ur-Christen allesamt Veganer gewesen sein. Die Belege hierfür fand ich nicht nachvollziehbar; so wird die vegane Lebensweise der Ur-Christen mit einer Deutung Steiners begründet, der meinte, dass das Abendmahl mit Brot und Wein als Blut- und Fleischersatz durch Jesus als Symbol für den Verzicht auf tierische Nahrung gemeint gewesen sein. Für Mahatma Ghandi und Pythagoras konnte ich immerhin eine vegetarische Ernährung finden.

Durch die Nennung all der prominenten angeblichen Veganer soll offenbar darauf hingewiesen werden, dass „Universalgenies“ (worunter er auch Rudolf Steiner verstanden haben will) eben Veganer sei, weil ja kein halbwegs kluger, mitfühlender Mensch Fleisch essen oder Milch trinken könne!

Nicht-Veganer sind psychisch krank

Nicht-Veganern unterstellt der Autor eine Autoritäre Persönlichkeit nach Theodor W. Adorno, eine „emotionale Panzerung“ nach Wilhelm Reich und Beeinflussung durch die Werbung. Somit wird suggeriert, dass alle Nicht-Veganer – und damit der größte Teil der Bevölkerung – neurotisch, beeinflussbar und somit psychisch krank wären.

Anzustreben sei, die Panzerung abzulegen und mitfühlender zu werden, was als nötige Konsequenz vegane Ernährung beinhalte. Ziel sei ein „höherer Mensch“ mit „hoher Gesinnung“ und „geistigem Wachstum“. Wenn Menschen von einer höheren Stufe des Menschseins sprechen, fängt es bei mir an gruselig zu werden. Ich empfinde das als esoterisch, zumal der Autor zahlreiche Esoteriker als Kronzeugen nennt (z.B. Rudolf Steiner).

Fleisch ist eine unnatürliche Nahrung

Der Autor stellt außerdem einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Vegetarischer Ernährung her. Er sagt, dass viele Leute heute intelligenter und mitfühlender wären – und deshalb Veganer seien. Heißt dies im Umkehrschluß, dass die Nicht-Veganer wenig mitfühlend und wenig intelligent sind?

Der Autor schreibt außerdem, dass Kinder eine natürliche Abwehr gegen Fleisch hätten und die Eltern würden ihnen diese abtrainieren. Fleischesser würden also Fleisch nicht etwa mögen, weil es ihnen schmeckt und/oder ein menschlicher Instinkt sie veranlasst proteinreich zu essen, sondern weil es ihnen „anprogrammiert“ ist, wie der Autor sagt.

Ich halte das für fragwürdig, denn ähnlich wie süß und fettig dürfte proteinreiche Nahrung vermutlich für Menschen einfach lecker sein, weil es „früher“ einmal überlebenswichtig, aber schwer zu kriegen war. Menschen sind Allesfresser, Fleisch kann durchaus zu ihrer Ernährung dazugehören.

Evolution missverstanden

Von Evolution scheint der Autor nicht viel zu verstehen. So meint er z.B. bei menschlicher Tierzüchtung „überlebt nicht das stärkste Tier“, sondern das mit den züchterisch erwünschten Eigenschaften. Das stärkste Tier überlebt aber auch bei natürlicher Evolution nicht zwangsläufig, sondern das am besten angepasste (und auch das nur mit glücklichem Zufall)! Es heißt survival of the fittest, nicht survival of the strongest!

Der Autor behauptet außerdem, dass viele Zuchttiere nicht mehr in der Lage seien ohne Pharmapräperate zu überleben, weil sie durch Zucht „zu schwach“ seien. Mir ist ein solcher Sachverhalt nicht bekannt, ich vermute der Autor verwechselt hier die Probleme der Massentierhaltung (Stress, hohe Keimbelastung) mit der Tierzucht im Allgemeinen. Dass es Qualzuchten gibt, will ich damit natürlich nicht verneinen.

Der Autor ist der Ansicht, man solle die Nutztiere „in die Freiheit entlassen“ und die Qualzuchten wieder „zurückzüchten“. Wieso das geschehen soll, ist mir ein Rätsel, denn wäre es nicht viel tierfreundlicher, mit Qualzuchten erst gar nicht Nachwuchs zu erzeugen?

Nicht-Veganer sind offenbar minderwertige Menschen

Den Welthunger scheint der Autor lediglich auf das Fleischessen zurückzuführen. In der Tat dürfte der hohe Fleischkonsum der reichen Länder zum Welthunger beitragen – doch der einzige Grund ist er nicht.

Was aus dieser sehr kurzen Zusammenfassung klar werden dürfte ist, dass der Autor der Ansicht ist, dass Nicht-Veganer also offenbar

  • an einer autoritären Persönlichkeit leiden
  • Neurotiker sind
  • wenig emphatisch und intelligent sind
  • keinesfalls ein Universalgenie sein können
  • zum Fleischessen in ihrer Kindheit „programmiert“ wurden
  • und noch nicht zu einem „höheren Menschen“ geworden sind (was auch immer das sein mag)

Alles in allem kann ich die Argumentation in keinster Weise als überzeugend bezeichnen. Im Gegenteil: durch die vielen argumentativen Schwächen und die Wahl der Argumente wird mir bewusst, dass dies hier kein Buch für Nicht-Veganer sein kann, sondern der Selbstbeweihräucherung der Veganer untereinander dient (die ja intelligent, emphatisch und „höhere Menschen“ zu sein scheinen) und dabei jene Veganer, die einen esoterischen Hintergrund haben. Wie man aber bei den Renzensionen bei Amazon sehen kann, sind selbst einige Veganer nicht immer einverstanden mit den Thesen des Autors. Denn es gibt gute Argumente FÜR Veganismus! Nur: der Autor ist nicht in der Lage, diese zu nennen und präsentieren.

Über Sabrina

Ich mag Schafe, Pferde, Hühner, meinen Ehemann Herr Nagezahn (:-D), Tee, Stricken und andere textile Handarbeiten, lese gerne Sachbücher und esse, koche und backe gerne. Noch lebe ich in einer Großstadt, bald geht es jedoch wieder zurück aufs (flache) Land!
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3 Kommentare zu [Ausgelesen] Veg up. Die Veganisierung der Welt

  1. Sehr geehrte Frau Wolle,

    mehrere Teile Ihrer Buchbesprechung unterstellen mir Aussagen, die man in meinem Buch so überhaupt nicht findet.

    Ich fasse es zusammen:

    Nirgendwo habe ich Menschen, die noch nicht vegan leben unterstellt, sie würden »unter einer Krankheit leiden«. Da haben Sie offenbar Adornos Antitotalitarismus-Forschung als Krankheitserforschung missverstanden! Ich vergleiche stattdessen den Fleischkonsum und seine typische Verteidigung mit den Merkmalen der totalitären Persönlichkeit, die Adorno und andere erforschten. Die in meinem Buch erwähnten Beispiele bzw. Vergleiche hierzu hört man in fast jeder Diskussion zwischen Veganern und Fleichverteidigern und sie spiegeln nur die Realität.

    Nicht ich behaupte, dass »alle Kinder« Fleisch ablehnen, es war Rousseau. An meinen eigenen Kindern konnte ich sehen, dass es tatsächlich zutrifft. Für alle Kinder kann ich nicht sprechen, doch es ist bemerkenswert, dass man die Aussage bereits in Roesseaus Erziehungsbuch findet.

    Dass eine vegane Ernährung den Geist stärkt, haben Seneca, die ersten Kirchenhistoriker wie Basilius, Gandhi, Tolstoi, Steiner und viele andere ausführlich beschrieben, in meinem Buch stehen alle Originalquellen hierzu. Dass vor allem Menschen mit einem höheren IQ zur einer tierschonenden Lebensweise finden, ist doch nicht meine Erfindung, sondern wissenschaftlich bestätigt. Die Studie hierzu finden Sie ebenfalls in Veg Up.

    Dass Gandhi vegan lebte, bestätige ich durch sein eigenes Zitat aus seiner Autobiographie, er beschreibt exakt, warum er nicht nur kein Fleisch aß, sondern auch, warum er keine Kuhmilch trank. Pythagoras trug nicht einmal Wolle, sondern Leinen, dasselbe gilt auch für Leonardo da Vinci und Rudolf Steiner, der die Pflanzennahrung als Nahrung der Zukunft sah und die Entlastung der Tiere beschreibt, er trank Mandelmilch, alles durch Quellen belegt. Eier gelten in Indien nicht als vegetarisch, Gandhi aß keine, Steiner warnte sogar vor ihrem Konsum.

    An keiner Stelle schreibe ich, dass man (automatisch) »ein höherer Mensch« wird. Stattdessen zitiere ich sogar Steiner, man könne sich nicht in den Himmel hineinessen. Stattdessen beschreibe ich anhand vieler Lebenszeugnisse bekannter geistiger Persönlichkeiten, dass auch die Nahrung Teil ihrer geistigen Entwicklung war und zwar ethisch begründet, aus Rücksicht auf das Leben von Tieren.

    Ich missverstehe auch nicht die Evolution, wie Sie behaupten, sondern schreibe über die »geistig-kulturelle« Evolution des Menschen. Das ist etwas anderes.

    Für den kulturellen und geistigen Aufstieg präsentiere ich als Kronzeugen Darwin, der immerhin aussagt, Tiere nicht mehr auszunutzen sei »die edelste Tugend des Menschen«.

    Bedenken Sie in Ihrer pauschalen und einfachen Ablehnung aller sogenannten »Esoterik« bitte, dass die bisher genannten Persönlichkeiten (bis auf Adorno) allesamt hoch spirituelle Menschen waren und es sich daher von selbst erklärt, warum Ihnen das Buch »esoterisch« vorkommt.

    Nebenbei sei erwähnt, was mich mich mit Freude erfüllt, dass bereits viele mir bekannte Menschen durch die Lektüre von Veg Up vegan geworden sind.

    Noch etwas zu den Qualzuchten: Auf Lebenshöfen (auch »Gnadenhöfen«) können Sie sich Tiere anschauen, die aus der Tierzucht stammen und wie sie grausam verenden, gerade weil sie nicht mehr lebensfähig sind und zum Sterben und Leiden allein durch ihr Verzüchtung verdammt sind. Das beschreibe ich in meinem Buch gründlich. Es ist sehr traurig, dass Sie darüber hinweggehen.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie das Buch mit weniger Vorurteilen noch einmal in aller Ruhe durchlesen würden.

    Ihr Verweis auf negative Besprechungen in Amazon ist nicht ein Hinweis auf Qualität, sondern auf Quantität. Dass atheistischen Hardcoreveganern eine geistig-kulturelle Ideenfindung der veganen Idee in unserer Geschichte nicht gerade passt, dürfte kaum verwundern. Sachlich sind diese Besprechungen nicht. Man unterstellt mir z.B. die Ablehnung des »Antispeziesismus«. Allerdings schrieb ich nur, dass man eine solche Konstruktion doch dann nicht brauch, wenn man aus Herzenserkenntnis vegan wird.

    Herzliche Grüße
    Christian Vagedes

  2. Frau Wolle sagt:

    Sehr geehrter Herr Vagedes,
    ich danke Ihnen vielmals für Ihre ausführliche Stellungnahme zu meiner Rezension und der Klarstellung Ihrer Argumentation in Ihrem Buch. So haben die Leser, die auf diesen Artikel stoßen, hoffentlich die Möglichkeit sich ein klareres Bild zu machen.
    Freundliche Grüße,
    Frau Wolle

  3. Pingback: veg up reloaded | Notiz am Rande

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